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Die jungen Mediziner kommen. Zwischen Überforderung und Überholspur

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G8, G9, geh weg – kaum eine bildungspolitische Maßnahme wurde (und wird immer noch) so heftig diskutiert wie die Verkürzung der gymnasialen Schullaufbahn. In Nordrhein-Westfalen traten mit dem doppelten Abiturjahrgang 2013 die ersten G8-Abiturienten die universitäre Medizinerausbildung an. In zwei Jahren werden diese Jüngsten der Jungmediziner ihre Assistenzarztausbildung in Kliniken beginnen.

Ein Ausblick auf die Auswirkungen von G8 auf den Arztberuf

Die Umstellung von G9 auf G8, also von neun Jahren gymnasialer Schulzeit auf nunmehr acht Jahre, ist zweifelsohne die größte Welle, die im letzten Jahrzehnt über das deutsche Bildungswesen brach. Schon vor der Einführung des G8-Systems starteten Diskussionen und Aushandlungen, die bis heute nicht abgeklungen sind. Zwischen den Warnungen vor einer verkürzten Schulzeit, den Warnungen vor der Rückkehr zu einer verlängerten Schulzeit und allgemeiner Besorgnis, hat man sich in den meisten deutschen Bundesländern mittlerweile auf Flexi-Modelle geeinigt, die es jedem Recht machen sollen, jedoch bisher keinen wirklich zufrieden stimmen.

Waren Politik und Wirtschaft vormals große Verfechter ihres Wunsches nach der internationalen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Abiturienten, so sind die Stimmen aus der nordrhein-westfälischen Politik im Hinblick auf die Wahlen im Mai 2017 nur noch ablehnend bis beschwichtigend. Das Turbo-Abi soll maximal, da ist man sich über Parteigrenzen hinweg einig, als Wahlmöglichkeit bestehen bleiben. Jedoch wird vor 2018 keine Wende eintreten; auch anschließend wird es im Flexi-Modell, das den Schülern die individuelle Auswahl bietet, die Länge seiner Schullaufbahn selbst zu bestimmen, weiterhin sehr junge Abiturienten geben - die wiederum zu sehr jungen Medizinern werden. Ein großer Kritikpunkt an der verkürzten Schulzeit ist jedoch erstmal, dass Schüler schon in jungen Jahren einen Mediziner aufsuchen müssen. Somatoforme und psychische Beschwerden wie Erschöpfungsdepressionen aufgrund von Stress und Druck sind keine Seltenheit bei Schülern. Dies führt teilweise so weit, dass sich Mediziner öffentlichen positionieren und betonen, nicht für die Reparaturen eines kaputten Bildungssystems verantwortlich zu sein.

Auf der anderen Seite wird sich davon distanziert von wütenden G8-Gegnern instrumentalisiert zu werden. Eine Korrelation der verkürzten Schullaufbahn und der gestiegenen Diagnosen von Überforderung bei Kindern und Jugendlichen liegt zwar hier als Erklärung nahe, ist jedoch nicht eindeutig belegbar. Der Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort bezieht die Komponente des generellen gesellschaftlichen Leistungsdenkens mit ein, die auch schon im Kindergarten anzufinden ist. Auch sieht er davon ab, die Eltern und deren Erwartungshaltung von Anfang an als übel zu deklarieren, da viele Schüler aus intrinsischen Motiven Leistung zeigen wollen. Die Aussage beispielsweise einen Schnitt von „nur" 1,6 zu haben ist keine Seltenheit, ebenso die damit verbundene Angst, nicht den gewünschten Studienplatz zu erhalten. Der N.C. beim Medizinstudium spielt in anderen Ligen - zumal die Studienplätze den doppelten Abiturjahrgängen nicht verhältnismäßig angepasst wurden. Die Erwartungen und der Druck (ob an sich selbst oder von außen herangetragen) sind hoch.

Frühzeitige Einschulung und G8-Abitur bringen nicht selten 16-jährige Studienanfänger hervor.

Nicht nur Professor Thorsten Schäfer, Studiendekan der medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum fragt sich, wie man diese Abiturienten und deren Studienwunsch bewerten solle, und vor allem welche verlässlichen Instrumente man dazu an die Hand bekommt. Wie will man bewerten, ob die Studierenden den Kontakt zu schwerkranken Patient*innen oder Präp-Leichen verkraften können? Wie wird auf harsche Umgangstöne von älteren Studierenden oder Vorgesetzten reagiert? Alles im Kontext des Leistungsdrucks eines allgemein fordernden Medizinstudiums.

Eine Studie des Fachmagazins Jama, bei der Daten aus 47 Ländern von einem Forscherteam um Lisa Rotenstein ausgewertet wurden, legt offen, dass 27 Prozent der Medizinstudierenden entweder depressiv sind oder an depressiven Symptomen leiden. Betrachtet man die weitere Entwicklung der medizinischen Ausbildungslaufbahn, so nehmen diese Zahlen noch zu – bei den Assistenzärzten weisen bereits 29 Prozent die angesprochenen Symptome auf. Besonders junge Klinikärzte sind von Stress betroffen, dem von Wissenschaftlern am häufigsten benannten Grund der Belastungsstörungen. Dabei handelt es sich um Distress, negativen Stress. Bezeichnend ist dabei die Wahrnehmung, dass der geleistete Einsatz nicht zu entsprechend erwarteten Ergebnissen führt. Mit weiteren Karriereschritten nimmt dieser Distress oft gekoppelt an berufliche Erfolge ab. Positiver Stress hingegen, der die Ergebnisse produziert, die man selbst erwartet, kann auch glücklich machen. Sozialer Rückhalt und vor allem Anerkennung von Kollegen und Patienten können Distress reduzieren. Aber besonders diese Anerkennung von Patienten bekommen sehr junge und vor allem jung aussehende Ärzte nicht per se. Sie können dann noch stärkeren Druck fühlen, sich behaupten zu müssen.

Die Rollenanforderungen an junge Mediziner sind hoch - Selbstbewusstsein und Selbstwahrnehmung muss erst aufgebaut werden. Souveränität braucht vor allem Zeit und Erfahrung. Auch eine gewisse Gelassenheit wäre wichtig, aber wo soll die plötzlich herkommen nach Turbo-Abi und Turbo-Studium?
Supervision, Austausch und Selbsterfahrung im Rahmen der Ausbildung können gute Maßnahmen zur Prävention und Unterstützung sein. Diese Unterstützung ist notwendig, da die Qualität der ärztlichen Kommunikation bekanntlich Auswirkungen auf die Heilung des Patienten hat. Man kann erahnen, dass die Kommunikation eines gestressten oder gar depressiven Arztes stark von negativen Faktoren beeinflusst ist. Die jungen Ärzte heute haben jedoch eine andere Ausgangsposition. Aufgrund des Ärztemangels können sie andere Konditionen aushandeln. Beispielsweise bieten Überstunden, die abgebaut werden können, die Möglichkeit zur Stressreduzierung. Zudem fordern sie häufig einen Führungsstil, der auf Feedback und partizipativem Coaching fußt. Kinderbetreuung und geregelte Arbeitszeiten sind auch oft formulierte Wünsche. Den jungen Ärzten der Generation Y wird nachgesagt, dass sie Fürsorge nicht zuletzt als Selbstfürsorge verstehen – und dadurch Wert darauf legen, dass ihre eigenen Grenzen nicht überschritten werden. Man kann weiterhin davon ausgehen, dass ein 16-jähriger Abiturient mit überdurchschnittlich gutem Notenschnitt auch zumindest dem Lernaufwand an der Universität gewachsen ist. Ein früherer Berufseinstieg bringt gleichzeitig auch die Möglichkeit früher Erfahrungen zu sammeln.

Sehr junge Ärzte haben viele Chancen und stehen vor mindestens so vielen Herausforderungen.

Die Universität kann die jungen Ärzte nur bedingt auf den Klinikalltag vorbereiten. Letztendlich zählen vor allem personelle Kompetenzen und Stressresistenz zu den Stärken, die sich individuell entwickeln. Die Weiterbilder und die Ärzte selbst tragen eine Verantwortung, ihre eigenen Grenzen nicht zu sehr zu strapazieren. Und auch die Patienten können durch anerkennendes Verhalten dazu beitragen, dass auch jüngere Ärzte sich sicher und wohl fühlen. Vielleicht bietet die folgende Frage eine gute Grundlage für weitere Überlegungen: Möchten Sie sich lieber von einem 31-jährigen Mediziner, der sechs Wartesemester hat, behandeln lassen, oder von einem 31-jährigen Mediziner mit 5 Jahren Berufserfahrung als Vollmediziner?

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