Mittwoch, 20 Mai 2015 12:31

Babyglück und lange Nächte in der Gynäkologie und Geburtshilfe

Eins steht fest: Die Fachdisziplin Gynäkologie und Geburtshilfe hat eine hervorragende Zukunft. Schließlich sind 50% der Menschheit potentielle Patienten. Aber genügt das als Ausgleich für regelmäßige Nachtdienste? Und welche gravierenden Änderungen werden die Fachdisziplin in Zukunft beeinflussen? Darüber sprachen wir mit dem Direktor der Abteilung für Geburtshilfe am Universitätsklinikum Jena und langjährigem Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Prof. Dr. Ekkehard Schleußner.

BeyondHealth: Warum sollten junge Ärzte Ihrer Meinung nach die Fachdisziplin Gynäkologie und Geburtshilfe ergreifen?

Prof. Dr. Schleußner: Wer Lust auf eine sehr breitgefächerte Tätigkeit hat, ist hier richtig, denn die Gynäkologie und Geburtshilfe umfasst die ganze Breite der Medizin. Im Kern sind wir ein operatives Fach mit einer breiten Palette unterschiedlicher Operationen im Bauchraum und an der Brust. Dabei werden diese heute überwiegend minimal-invasiv z.B. als Bauchspiegelung, oder roboter-assistiert durchgeführt. Gleichzeitig übernimmt ein Frauenarzt die gesamte Ultraschalldiagnostik, vor allem in der Geburtshilfe, aber auch in der Gynäkologie und Brustdiagnostik. Die Pränatale Diagnostik des Feten ist faszinierend und eröffnet den Weg in fetale Diagnostik und Therapie. Parallel dazu ist die klassische Geburtshilfe eine Art Notfallmedizin, denn manchmal müssen da sehr schnell zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entschlüsse gefasst und erfolgreich umgesetzt werden. Dem mehr endokrinologisch Orientierten bietet sich in der Reproduktionsmedizin und bei der Hormonbehandlung ab der Pubertät, zur Verhütung und während der Menopause ein breites Feld. Ein wichtiger Teil unseres Faches ist die gynäkologische Onkologie, die sowohl die Vorsorge und Diagnostik, die großen, oft multiviszeralen Operationen als auch die Chemo- und Immuntherapie umfasst.

BeyondHealth: Wo werden die größten Veränderungen im Fachgebiet liegen?

Prof. Dr. Schleußner: Ich sehe besonders zwei große Veränderungen, die die Zukunft der Fachdisziplin maßgeblich mitbestimmen werden: Zum einen werden durch den demografischen Wandel Krankheiten der älteren Frau stärker in den Fokus der Disziplin rücken. Hierzu gehören beispielsweise Senkungsbeschwerden und Blasenschwäche, aber auch onkologische Erkrankungen. Da das Alter der Schwangeren ansteigt, gewinnen eine intensivere Begleitung in der Schwangerschaft und das frühzeitige Erkennen von Komplikationen an Bedeutung. Ein zweiter Punkt ist das Problem der Adipositas als Massenphänomen. Häufig sind damit Hormonstörungen und unerfüllter Kinderwunsch verbunden. In der Schwangerschaft führt das zu einer Zunahme von Schwangerschaftsdiabetes und anderen Komplikationen. Hier wird unsere Fachdisziplin in Zukunft auch vor speziellen Herausforderungen in den Bereichen der onkologischen, aber auch der operativen Gynäkologie stehen.

Demografischer Wandel als Herausforderung

Nahezu alle industrialisierten Länder sind vom demografischen Wandel betroffen: Durch sinkende Geburtenraten wird die Gesamtbevölkerung immer älter. Auf Grund von biologischen und sozialen Faktoren machen Frauen einen Großteil der älteren Bevölkerung aus. Diese Entwicklungen bergen drei entscheidende Schwerpunktverlagerungen im Fachbereich Gynäkologie und Geburtshilfe: Die sinkenden Geburtenzahlen resultieren aus immer späteren Schwangerschaften: Immer häufiger bekommen Frauen ab 40 Jahren ihr erstes Kind. Der Wunsch nach einer gleichberechtigten Karriere und spätere feste Partnerschaften können als Gründe aufgeführt werden. Auch Frauen über 50 Jahren entscheiden sich heute schwanger zu werden – mit all den Problemen, die damit entstehen können. Aufgrund der sinkenden Geburtenzahlen werden in Zukunft laut Prof. Dr. Schleußner zwar weniger, dafür aber leistungsfähigere Geburtskliniken benötigt, um die umfangreichere Betreuung von Risikoschwangerschaften in hoher Qualität leisten zu können. Der späte Kinderwunsch fordert auch vermehrt die gynäkologische Endokrinologie mit unterschiedlichen Kinderwunschbehandlungen. Wichtig ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass die Ursachen für einen unerfüllten Kinderwunsch mindestens genauso häufig beim Mann liegen können. Die Universitätsklinik Jena arbeitet im Bereich der gynäkologischen Endokrinologie mit unterschiedlichen Methoden: „Um die Fruchtbarkeit mit den modernsten Methoden wieder herzustellen, haben wir das interdisziplinäre Endometriosezentrum und Myomzentrum am UKJ ins Leben gerufen.“, so der Direktor der Abteilung Frauenheilkunde am Universitätsklinikum Jena, Prof. Dr. Ingo Runnebaum. Generell sollte eine Kinderwunschbehandlung im Vorhinein gut geplant werden. Seit der Gesundheitsreform im Jahr 2004 übernehmen die Krankenkassen lediglich einen Teil der Behandlungskosten und das auch nur unter bestimmten Umständen: Nur verheiratete Paare, die über 25 Jahre alt sind können mit finanzieller Unterstützung eine Therapie beginnen. Weiterhin darf die Frau nicht älter als 40 Jahre und der Mann nicht älter als 50 Jahre alt sein. Im Zuge des demografischen Wandels und einer immer differenzierteren Gesellschaft könnten diese Regelungen in Zukunft durchaus neu verhandelt werden. Mit dem demografischen Wandel rückt auch eine vermehrte Krebsbehandlung in den Fokus der Gynäkologie und Geburtshilfe: „Generell nehmen Erkrankungen der älteren Frau zu. Bei den notwendigen operativen Eingriffen liegen uns die Sicherheit, der minimal-invasive Zugang, das ästhetische Ergebnis beispielsweise an der Brust, vor allem aber auch die Wiederherstellung der Lebensqualität sehr am Herzen. Entscheidend für den Behandlungserfolg bei Krebs ist die Interdisziplinarität an einem Zentrum“, berichtet Prof. Dr. Ingo Runnebaum.

Alarmierende Folgen von Adipositas

Erst kürzlich veröffentlichte die Ärzte Zeitung die Ergebnisse der “Diabetes & Women Health Study”. Die US-Forscher des National Institute of Health fanden heraus, dass extrem adipöse Frauen, die während ihrer Schwangerschaft an einer Gestationsdiabetes litten, ein rund 17-fach höheres Risiko haben an einer Typ-2-Diabetes zu erkranken als normalgewichtige Frauen, die ebenfalls von einer Schwangerschaftsdiabetes betroffen waren. Das Risiko steigt zusätzlich auf das 43-fache, wenn extrem adipöse Frauen nach ihrer Schwangerschaft nochmals mehr als 5 kg zunehmen. Eine Gewichtsreduktion hat hier ganz klar positive Folgen. Daher ist eine regelmäßige und professionelle ärztliche Beratung während einer Schwangerschaft unerlässlich. Welche weiteren Tätigkeiten den Arbeitsalltag in der Gynäkologie und Geburtshilfe prägen, hat uns Prof. Dr. Schleußner im Gespräch erklärt:

BeyondHealth: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Prof. Dr. Schleußner: Die Umstellung vom Oberarzt zum Professor und Klinikdirektor hat in meinem Arbeitsalltag schon einiges verändert. An die überwiegende Schreibtischarbeit musste ich mich erst gewöhnen! Ein Kollege meinte passend dazu: „Früher hast du selbst geforscht, heute sorgst du dafür, dass andere forschen.“ Grundsätzlich beginnt ein Arbeitstag mit der Morgenbesprechung. Alles Weitere verläuft immer unterschiedlich. Wir werden 24 Stunden am Tag gebraucht, da die meisten Babys in der Nacht zur Welt kommen. Nachtschichten mit vollem Einsatz sind daher keine Seltenheit in der Gynäkologie und Geburtshilfe. Ich als Direktor werde nachts nur bei speziellen Fällen gerufen, wohingegen Fach- und Assistenzärzte im Nachdienst nicht selten durchgehend präsent sein müssen. Zum Arbeitsalltag eines Gynäkologen in der Klinik gehört auf jeden Fall die Teamarbeit. Im Kreissaal arbeitet man in einem therapeutischen Team mit Hebammen, aber auch Kinderärzten, Anästhesisten, OP- und Krankenschwestern für die Gesundheit von Mutter und Kind.

BeyondHealth: Was zeichnet einen attraktiven Arbeitgeber aus?

Prof. Dr. Schleußner: In meiner Fachdisziplin sind anstrengende Nachtdienste die Regel. Daher zeichnet sich für mich ein attraktiver Arbeitgeber durch Verständnis für die Familiensituation der Mitarbeiter aus. Teilzeitmodelle und intelligente Dienstmodelle statt unübersichtlichen Überstunden! Doch trotz Dienstschluss hat die Gesundheit unserer Patienten stets die oberste Priorität. Kein Patient darf unversorgt bleiben! Diesen Grundsatz versuche ich als Direktor meinen Mitarbeitern stets vorzuleben! Gleichzeitig denke ich, dass eine gute Bezahlung allein nicht reicht, denn junge Ärzte wollen und müssen sich weiterbilden und lernen. Die Möglichkeit dazu muss durch Besuche von Kongressen und Fortbildungen, eine klare Struktur der Weiterbildung mit Rotation durch alle Bereich der Klinik und ggf. externen Hospitationen und regelmäßigen klinikinternen Veranstaltungen gewährleistet werden.

Unser Fazit: Junge Mediziner, die

  • an einer breitgefächerten Fachdisziplin interessiert sind
  • Änderungen in einer Fachdisziplin hautnah miterleben und gestalten möchten
  • Teamarbeit bevorzugen
  • Einfühlungsvermögen auch in stressigen Situationen besitzen
  • und regelmäßige Nachtschichten in Kauf nehmen

sind grundsätzlich in der Fachdisziplin Gynäkologie und Geburtshilfe gut aufgehoben. Alle Unannehmlichkeiten im Job werden für Prof. Dr. Schleußner durch etwas ganz besonderes wieder wettgemacht: „Ein gesundes Baby und glückliche Eltern sind immer eine unbezahlbare Belohnung für meine Arbeit!“

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