Donnerstag, 10 September 2015 11:54

Mit einer Stimme sprechen: Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie

Die Chefärztin für Allgemein-, Viszeral- und endokrine Chirurgie, Prof. Dr. Natascha Nüssler fasst die Defizite der Chirurgie gebündelt zusammen: „Unattraktive Arbeitszeiten, ausgeprägte hierarchische Strukturen und die als zu lang empfundene Weiterbildungszeit haben in den letzten Jahren zu einem Attraktivitätsverlust des Faches Chirurgie geführt.“ Und was nun? Wir sprachen mit dem Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) Prof. Dr. med. Dr. h.c. Meyer über Nachwuchsförderung, Frauenpower und eine neue Generation.

Mit einer Stimme für ein traditionsreiches Fach

Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie blickt auf eine traditionsreiche Geschichte: Im Jahr 1872 gegründet, gehört sie zu den ältesten wissenschaftlichen Fachgesellschaften Deutschlands. Dank ihrer umfassenden Arbeit und internationalen Forschungsprojekten ist die Fachgesellschaft historisch gewachsen und weltweit anerkannt. Zusätzlich zu den 6500 Mitgliedern, betreut die Fachgesellschaft rund 1400 Ärztinnen, Ärzte und Wissenschaftler aus 10 Fachgesellschaften, die einzelne, mit der Chirurgie assoziierten Disziplinen, vertreten. Die große Aufgabe der DGCH besteht darin, diese vielen Mitglieder zu vereinen und Sachverhalte zu regeln, die die Chirurgie insgesamt betreffen. Seit der Gründung lautet die angestrebte Kernaufgabe der Fachgesellschaft: „Einheit der deutschen Chirurgie“. Bei einem solch vielfältigen Fach und der hohen Mitgliederzahl ist diese Aufgabe heute aktueller als je zuvor! Prof. Dr. med. Dr. h.c. Meyer geht selbst mit gutem Beispiel voran: Neben seiner Tätigkeit als Generalsekretär der DGCH ist er auch Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Chirurgen.

Weltweite Forschung und Mitsprache für junge Ärzte

„Zu Beginn des Medizinstudiums interessieren sich ca. 35% der Studierenden für die Chirurgie. Nach dem praktischen Jahr sinkt das Interesse leider rapide, da die Belastungen als ungeahnt hoch eingestuft werden“, erklärt Prof. Dr. med. Dr. h.c. Meyer. Dieses Desinteresse wird auch dadurch ausgelöst, dass flexible Arbeitszeiten und Teilzeit in diesem Fach nicht so einfach möglich sind – das Skalpell kann man nicht einfach während einer Operation niederlegen werden und Notfälle geschehen bekanntlich auch nicht nach Zeitplan. „Um die Begeisterung für die Chirurgie zu erhalten, engagiert sich die DGCH stark in der Nachwuchsförderung und integriert junge Ärzte in die Vorstandsarbeit. Denn wo gibt es einen besseren Ort, um direkt auf die Belange von Nachwuchschirurgen einzugehen?“, bemerkt Prof. Dr.med. Dr. h.c. Meyer. Eine lange Tradition in der DGCH haben auch die Reisestipendien nach Asien und Amerika. „Auch ich war als junger Arzt in Japan auf Forschungsreise und konnte dort berufliche Kontakte knüpfen und Forschungsergebnisse mit internationalen Wissenschaftlern diskutieren.“, berichtet uns Prof. Dr. med. Dr. h.c. Meyer begeistert. Weiterhin wird jährlich eine Sommerschule angeboten, in welcher sich junge Mediziner bei Vorlesungen und praktischen Übungen einen Überblick über die Chirurgie verschaffen können.

Bereit machen für mehr Frauenpower

„Obwohl die Chirurgie oft noch als reines Männerfach angesehen wird, sind europaweit die Studienanfänger im Fach Medizin zu 70% weiblich. Trotz des weiblichen Ärztenachwuchses, sind am Ende der Karriereleiter doch meist Männer zu finden. Höchste Zeit also, dass die Medizin und damit auch die Chirurgie familienfreundlicher und flexibler wird!“, so Prof. Dr. med. Dr. h.c. Meyer weiter. Ein Beispiel für einen Fortschritt ist, dass Chirurginnen nun auch in der Schwangerschaft operieren können. Seit 1952 schreibt der Mutterschutz vor, dass die Tätigkeit einer Chirurgin mit Bekanntgabe der Schwangerschaft im OP endet. „Längst überholt!“, meinen die Ärztinnen des Jungen Forums der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie und setzten sich erfolgreich für eine Lockerung dieser Vorschrift ein. Heute können schwangere Chirurginnen viel besser selbst entscheiden wie lange sie operieren wollen. „Auch der Generationenwandel spielt eine große Rolle in unserem Fach: Junge Leute wollen heute früh abgesichert sein und vermehrt Zeit für Familie und Freizeit haben. Das hat Vorrang vor einem hohen Einkommen. Wir sind gerne bereit, diese Entwicklungen zu unterstützen!“, so Prof. Dr. med. Dr. h.c. Meyer weiter.

Fairer Umgang mit Assistenzärzten

Neben der stetigen Nachwuchsförderung, dem steigenden Ärztinnenanteil in der Chirurgie und der Organisation einer verbesserten Work-Life-Balance, gibt es noch zahlreiche weitere Herausforderungen, denen sich die DGCH stellen muss.

Dazu gehören beispielsweise:

  • die Herausforderungen des demografischen Wandels und die damit einhergehende Kostenexplosion
  • die sich ändernde Personalstruktur im Krankenhaus mit ansteigenden Zahlen an Honorarärzten und ausländischen Ärzten
  • Ausbau und kritische Evaluation der Forschung
  • Pflege internationaler Kontakte
  • Beziehung zu Nachbarfächern halten und ausbauen

Auch die Forderung nach einer schnelleren Zulassung neuer Antibiotika im Kampf gegen multiresistente Keime ist ein zentrales Anliegen der gesamten Chirurgie. Zudem muss sich die chirurgische Weiterbildung vermehrt in den Klinikalltag integrieren. Es muss daran gearbeitet werden, dass das Anleiten von Assistenzärzten nicht als Last, sondern als natürlicher Vorgang im Klinikalltag angesehen wird. Das Arbeitszeitgesetz schaffte Assistenzärzten zwar mehr Zeit für die Vorbereitung auf Prüfungen, allerdings verlängert sich durch die geringere Präsenz in Kernarbeitszeiten die Dauer der Weiterbildung. Hinzu kommt, dass rund die Hälfte der Kliniken in Deutschland nur ungenügende Vorgaben für eine strukturierte Weiterbildung haben. Auch hier setzt sich die DGCH in verschiedenen Gremien für eine Verbesserung der Sachlage ein.

Spaß und Qualität in Einklang bringen

Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie und ihre assoziierten Fachgesellschaften setzen sich für die Einigkeit in der Chirurgie ein, um stark mit einer gemeinsamen Stimme alle Belange vertreten zu können. Ein besonderer Fokus liegt hier auf der Nachwuchsförderung. Chirurgie soll für junge Mediziner nicht mehr länger abschreckend wirken, sondern durch Reisestipendien, alternative Arbeitszeiten und einer strukturierten Weiterbildung, besonders für Ärztinnen, wieder zu einem beliebten Fach werden! Ziel sollte es sein, dass jede junge Chirurgin und jeder junge Chirurg nach 40 Jahren OP-Erfahrung, genau wie Prof. Dr.med. Dr. h.c. Meyer sagen kann: „Jeder Tag im OP – egal, in welcher Funktion – hat mir Spaß gemacht!“

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