Mittwoch, 04 November 2015 11:39

Internetmedizin – die Zukunft des Gesundheitswesens?

Blutzucker-messende Kontaktlinsen, Ängste mit einer App behandeln oder individuelle Herztherapien per iPhone – Was klingt wie aus einer fernen Zukunft ist heute schon möglich! Die Internetmedizin ist ein junges Feld im Gesundheitswesen, das den wenigsten Patienten vertraut ist. „Smartphones sind bereits feste Bestandteile unseres Alltags, warum sollten wir sie nicht auch für die Gesundheitsvorsorge benutzen?“, fragt Sebastian Vorberg, Sprecher des Bundesverbandes Internetmedizin (BIM). Der BIM hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Sprachrohr für digitale Gesundheitsangebote zu sein und einen einheitlichen Qualitätsstandard in der Internetmedizin zu schaffen.

 

Doch was ist Internetmedizin genau?

Der Begriff Telemedizin ist weitgehend bekannt: Patienten, die keinen direkten Zugang zu fachärztlicher Betreuung haben, können mit Hilfe von Telefonsprechstunden oder per Webcam ihr Leiden vortragen und Behandlungsvorschläge erhalten. Wo die Telemedizin wie eine Sprechstunde funktioniert, vernetzt sich der Patient mit Anwendungen der Internetmedizin selbstständig. „Gesundheitsversorgung quasi nach dem iPhone-Prinzip: Also vernetzte Medizin in Echtzeit, alltagstauglich und der Patient bestimmt den Prozess.“, fasst BIM Vorstandsmitglied Dr. Müschenich zusammen.

Den Klinikalltag sinnvoll ergänzen

„Dokumente, wie den Arztbrief oder die Patientenakte liegen derzeit nicht in digitaler Form vor. An diesen festgefahrenen Strukturen scheitert die Internetmedizin im Krankenhausalltag. Aber wenn Ärzte offen für Anwendungen der Internetmedizin sind, gibt es durchaus Wege diese in den Klinikalltag zu integrieren. Die Bereitschaft Onlinesprechstunden abzuhalten oder die Überwachung einer Schwangerschaft oder einer chronischen Diabetes mellitus über eine App, kann die reguläre Behandlung in der Klinik sinnvoll ergänzen.“, so Sebastian Vorberg.

Zweifel in der Ärzteschaft

Diese Anwendungen werden im Gesundheitswesen aber nicht durchgängig positiv bewertet. Die App goderma beispielsweise verspricht nach Einsendung eines Fotos von einer Hautauffälligkeit, nach 2 Tagen die Rückmeldung eines Dermatologen und eine Empfehlung. Der Berufsverband der Deutschen Dermatologen sieht die App allerdings kritisch: Präsident Klaus Strömer bemängelt das Wegfallen eines persönlichen Gespräches, denn Patienten, die den Verdacht auf eine Hauterkrankung haben, sind oft emotional belastet und benötigten einen persönlichen Austausch.“ Wolfgang Loos, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin, warnt besonders vor Apps, bei denen eine Bilderkennungssoftware die eingesendeten Fotos untersucht: „Aber solange Ärzte involviert sind, ist eine solche App nicht anzufechten.“, so Loos. Kosten für Anwendungen der Internetmedizin werden nicht von den Krankenkassen übernommen, sodass beispielsweise der Preis von goderma von 29€, den Hausarztbesuch bei weitem übertrifft.

Die Bundesregierung ebnet den Weg

In den USA, Skandinavien und Frankreich sind E-Health Strategien bereits in den Alltag übergegangen und auch in Deutschland ist der Wille zur Veränderung da: Das kürzlich vom Bundestag beschlossene E-Health-Gesetz soll digitaler Kommunikation im Gesundheitswesen den Weg ebnen. Notfalldaten, wie Vorerkrankungen oder Allergien, aber auch der Medikationsplan sollen auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden. Dies kann Leben retten, denn das Rettungsteam hat am Unfallort direkt Zugriff auf diese Daten und kann gezielt handeln. Auch Voraussetzungen für eine elektronische Patientenakte sollen geschaffen werden.

Mit viralem Effekt zum Durchbruch

„Sobald sich die Internetmedizin nicht mehr in Einzellösungen aufteilt, sondern die Nutzer auf eine Plattform zugreifen können und diese mit der digitalen Patientenakte verbunden werden kann, wird es einen viralen Effekt geben.“, prophezeit Sebastian Vorberg. Datenschutzbedingungen und Transparenz sollten dabei jederzeit gegeben sein. Um seriöse Anwendungen zu zertifizieren, hat der BIM in diesem Jahr das Siegel „Qualitätsprodukt Internetmedizin“ entworfen.

Die Internetmedizin trifft derzeit in Deutschland auf geteilte Meinungen: Zu unseriös und zu teuer sagen die einen – transparent und innovativ die anderen. Mit dem E-Health-Gesetz schlägt die Bundesregierung einen klaren Kurs Richtung Digitalisierung im Gesundheitswesen ein. Wann eine Plattform mit verschieden seriösen Apps im Gesundheitswesen entsteht und der vorhergesagte virale Effekt eintritt, bleibt abzuwarten. Eine spannende Entwicklung ist es allemal!

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