Mittwoch, 05 September 2018 14:21

Interview mit einem jungen Assistenzarzt

Einblicke frisch aus dem Stationsalltag. Tipps für Deine Stellensuche. Empfehlung des besten Schichtsystems. Alles drin.

Marie hat für euch einen jungen, engagierten Assistenzarzt interviewt um auch selbst noch mehr über die Wünsche und Sehnsüchte der jungen Ärzteschaft zu lernen.

In welchem Jahr Deiner Ausbildung befindest Du Dich?

Im Zweiten.

Wenn Du nur eine Sache aus Deinem jetzigen Arbeitsalltag erhalten könntest, welche wäre es? Was liebst Du an Deinem Job?

Die Patienten.

Wie lange wurdest Du eingearbeitet?

Hier 0 Tage, weil ich kein Berufsanfänger mehr war. Bei meiner vorherigen Stelle bin ich 3 Tage mitgelaufen und ca. für weitere 2 Tage war jemand in Rufnähe. Ich bin nach der Uni direkt in der Notaufnahme gestartet.

Wie steil ist eure gelebte Hierarchie im Team?

Mittel. Zu den Oberärzten herrscht ein guter, respektvoller Umgang per Du. Zum Chefarzt würde ich das Gefälle als eher steil bezeichnen.

Gibt es ein internes Critical Incident Reporting System und wird davon Gebrauch gemacht?

Gibt es, wird aber glaube ich wenig Gebrauch von gemacht.

Welche Veränderung würdest Du Dir zur Verbesserung Deines Arbeitstages konkret wünschen?

Ne‘ Sekretärin. (lacht) 
Er erklärt, dass er viel Zeit mit Papierkram und Telefonaten verbringt, die zum Großteil auch eine nicht-medizinische Kraft übernehmen könnte.

Und wenn man mal groß denkt – wenn Du könntest, wie würdest du die Krankenhausabläufe revolutionieren?

Dass es nur um den Patienten geht und nicht um Zahlen.
Er erläutert, dass er das Krankenhaus am liebsten nicht als Unternehmen sehen würde, welches auf Wirtschaftlichkeit aus ist und dass kein Unterschied zwischen privat und gesetzlich Versicherten gemacht wird.

Welches Schichtmodell findest Du am besten? (Er hat bereits in einigen Schichtmodellen gearbeitet)

12 Stunden Schichten: 2 x Tag, 2x Nacht, 3x frei

Beim Wechsel zwischen Tag und Nacht sind es 24h Pause.

Bei 5 Nächten am Stück kommt man zwar besser rein, aber auch schlechter wieder raus. Aber generell ist Schichtdienst nichts für mich, man hat dabei einfach kein Leben außerhalb der Klinik.

Welche Dienstplanorganisation findest Du am besten?

Hier kann ich die klare Empfehlung geben ein Krankenhaus mit großem Team zu suchen! Die Dienste werden ja untereinander aufgeteilt: Je mehr Assistenzärzte im Pool, desto weniger Dienste fallen beim Einzelnen an.

Wie empfindest Du Deine Zusammenarbeit mit den Kollegen der anderen Berufsgruppen?

Mit der Pflege: gut. Mit den Therapeuten: gut. Mit den Ärzten der anderen Fachrichtungen: auch gut. Mit allen gut! :-)

Hast Du das Gefühl der Arzt sein zu können, der Du sein möchtest?

Nein, im Moment noch nicht.

Was müsste man ändern, damit das möglich wäre?

Ich würde vor allem gerne nicht an die Wirtschaftlichkeit meiner Handlungen denken müssen.

Hast Du schonmal mit dem Gedanken gespielt, das Arztdasein an den Nagel zu hängen?

Ja, schon oft.

Was hat Dich von einem Wechsel abgehalten?

Das Geld. Ich sage immer: wenn mir jemand einen Job anbieten würde, bei dem ich das gleiche Geld ohne die Dienste und die Schichtarbeit bekommen würde, würde ich es machen.

Geht es Deinen Kollegen ähnlich?

Das kommt auf die Stationen an und wie oft man rotiert. Einer, der jede Woche auf einer anderen Station ist, ist natürlich unzufriedener, weil die Arbeitsbelastung höher ist. Schön wäre es, wenn zum Beispiel ein Oberarzt oder ein extra hierfür angestellter Arzt bei Bedarf einspringt und nicht die Stationsärzte von ihren Stationen gerissen werden. Ich empfehle wirklich nicht so oft zu rotieren, sodass man mindestens 3 Monate auf jeder Station ist.

Musst Du denn oft kurzfristig einspringen?

Aktuell nicht, früher ja. Allerdings muss ich jetzt oft während meines Arbeitstages auf anderen Stationen einspringen, wenn z.B. ein Arzt krank ist.

Was war für Dich bis dato das schlimmste Erlebnis als Assistenzarzt?

Die Überforderung in den Diensten. Und als ein Kind gestorben ist, welches ich betreut habe.

Und was das Schönste?

Die Geburten in der Frauenklinik, wenn es den Babys gut ging. Und wenn Patienten sehr krank kommen und deine Station dann aufrecht wieder verlassen, dich zum Abschied in den Arm nehmen und du siehst, was du im Team für diesen Patienten erreicht hast.

Erlebst Du ‚echte Lehrvisiten‘?

Je nachdem. Einmal pro Woche ist bei uns Oberarztvisite. Leider wird da je nach Oberarzt dann doch durchgehetzt.

Was wünschst Du Dir von Deinem direkten Vorgesetzten?

Respekt. Lehre. Expertise die er an mich weitergibt. Zeit.

Werden Dir externe Fortbildungen finanziert? Ist Dir das wichtig?

Ja, ich habe zum Beispiel 1 Woche und 500€ im Jahr für externe Fortbildungen, die ich mir frei einteilen kann.

Wie wichtig sind Dir regelmäßige interne Fortbildungen?

Sehr wichtig. Einmal pro Woche eine Stunde finde ich optimal.

Empfindest Du Dein Gehalt als angemessen?

Es ist ein gutes Gehalt von dem man auch gut leben kann. Aber im Vergleich zu dem, was andere Berufsgruppen verdienen finde ich es im Hinblick auf Verantwortung und Arbeitsbelastung als zu gering.

Ziehst Du eine elektronische Patientenakte der Papier-Variante vor?

Beides hat Vor- und Nachteile. Mit der elektronischen Patientenakte wird alles besser nachvollziehbar, allerdings wird das gesamte Team nach außen hin gläsern. Außerdem muss man für seine Notizen mehr Zeit investieren (erst zum Computer, das richtige Feld auswählen, etc).

Wie wichtig ist Dir persönlich der Standort der Klinik? Wie viel Pendelzeit würdest Du in Kauf nehmen für bessere Arbeitsbedingungen?

Dafür nehme ich aktuell ca. 1 Stunde pro Weg in Kauf.

Wie wichtig ist Dir das Kantinenangebot?

Sehr wichtig.

Wie viele Dienste machst Du pro Monat?

Im Moment 1-2.

Welche Tipps hast Du noch für deine jungen Kolleginnen und Kollegen für ihre Stellensuche?

Achtet auf den Arbeitsbeginn, wann es mit der Frühbesprechung losgeht. Morgens spielen bereits 5 Minuten mehr eine wichtige Rolle. Wie viele Stunden wird man realistisch pro Woche arbeiten und was passiert mit den Überstunden? Hier ist es natürlich schön, wenn man diese später abfeiern darf, das bringt mehr Lebensqualität als zusätzliches Geld (zumal Überstunden nicht so gut bezahlt sind). Wie ist die Lehre in der Funktion? Zum Beispiel ist es schön, wenn man einmal in der Woche mit einem Oberarzt 2 Stunden Sonografieren kann. Schön ist es auch, wenn man 30 Urlaubstage im Jahr hat. Außerdem ist es gut finde ich, wenn der Arbeitgeber dir ein Jobticket ermöglicht – auch wenn man es selber zahlt ist es doch eine günstige Möglichkeit den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Und hier noch eine Bitte an die kirchlichen Häuser: Nehmt bitte die Klausel ‚Ich lebe nach katholischen / christlichen Grundsätzen“ aus euren Verträgen. Das ist in meinen Augen ein Unding, sowas in einen Vertrag zu schreiben.

Was ist Dein Tipp an uns? Wie können wir junge Ärztinnen und Ärzte am besten unterstützen?

Also ich würde alles möglichst einfach und übersichtlich halten. Personalberatern ist man ja erstmal kritisch gegenüber eingestellt. Aber wenn ich von einem Kollegen hören würde, dass ihr für ihn einen guten Job gefunden und gute Arbeitsbedingungen ausgehandelt habt, dann würde ich da natürlich bei Wechselmotivation sofort auf euch zukommen. Mund-zu-Mund-Propaganda ist da in meinen Augen das Beste.



In diesem Sinne: Wir werden euer Vertrauen nicht enttäuschen! 
Vielen Dank für dieses wirklich informative und schöne Interview.

Bis zum nächsten Mal, Eure Marie

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