Freitag, 24 November 2017 14:12

„Eine 1,0 im Abi macht noch lange keinen guten Arzt!“

Die Debatte über die Abschaffung oder Änderung des N.C.s als Zugangsvoraussetzung für das Medizinstudium wird im Zuge des Ärztemangels in Deutschland nochmal völlig neu geführt – und momentan sogar vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt. 

Seit dem 04.10.2017 prüft das Bundesverfassungsgericht, ob das aktuelle Zulassungsverfahren für Humanmedizin mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Der zentrale Aspekt, der verhandelt wird, ist der folgende: Verbaut die Abiturnote die Zukunft, ist das nicht mit dem Grundrecht auf freie Berufswahl vereinbar. Mit dem Urteil ist in den nächsten Wochen zu rechnen. 

Sowohl der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, also auch die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland sprechen sich dafür aus, dass die Abiturnote als Auswahlkriterium alleine nicht ausreichend ist. 

20 Prozent der Plätze werden über den Numerus Clausus vergeben. Das heißt: Bewerber werden nur bis zu einer bestimmten Abiturnote zugelassen. Bei Medizin liegt die Grenze bei 1,0. Weitere 20 Prozent verteilt die zentrale Auswahlstelle nach Wartezeit. Über die Zulassungskriterien für die restlichen Plätze entscheiden die Hochschulen selber. Auch da zählt hauptsächlich die Abiturnote. Eine medizinische Ausbildung, soziales Engagement oder ein gutes Ergebnis im sogenannten Medizinertest können die Abi-Note nur leicht aufbessern. Schon mit einer 1,5 rückt das Wunschstudium in weite Ferne. Wartesemester können ein Weg zum Medizinstudium sein – doch dabei kann die Wartezeit teilweise länger sein als die Regelstudienzeit. 

Einen Schnitt von 1,0 schaffen vor allem Akademikerkinder. Das belegt die Sozialerhebung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden in Deutschland. Noch immer schaffen viel weniger Arbeiterkinder den Sprung ins Medizinstudium. Während immerhin fast die Hälfte der gesamten Studierenden in Deutschland Eltern hat, die nie studiert haben, sind es unter Studierenden, die auf Staatsexamen studieren, weniger als ein Drittel. Nicht einmal jeder zehnte Medizinstudent hatte 2016 eine niedrige Bildungsherkunft, also ein oder kein Elternteil ohne irgendeine Art von Ausbildung.

Die soziale Herkunft bei der Bewerbung stärker zu berücksichtigen, ist sogar eine Forderung, die indirekt auch das Bundesverfassungsgericht erhebt: Die "Auswahlregelungen für zulassungsbeschränkte Studiengänge müssen jedem Zulassungsberechtigten eine Chance lassen", formulierte das BVG schon im Jahr 1972. "Der prinzipielle Ausschluss ganzer Gruppen durch starre Grenzziehungen" sei zu vermeiden.

Zudem ist die Wahrscheinlichkeit das Abitur mit 1,0 abzuschließen von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Die Aussagekraft der Abiturnote ist also keinesfalls absolut. Was könnten Faktoren sein, die zusätzlich bei der Auswahl zukünftiger Mediziner helfen könnten?

Ulrich Montgomery spricht sich beispielsweise für ein Auswahlverfahren aus, das neben der Abiturnote auch verstärkt weitere Aspekte berücksichtigt, beispielsweise psychosoziales Engagement und Berufserfahrung oder Freiwilligendienst.

Es bleibt aber zu betonen, dass ein sehr gutes Abitur nicht automatisch Hand in Hand mit fehlender Sozialkompetenz geht. Im Gegenteil: Ohne Sozialkompetenz ist es ziemlich schwierig ein sehr gutes Abitur zu erreichen.

Professor Bernd Salzberger, Leiter der Infektiologie des Universitätsklinikums Regensburg hat es treffend auf den Punkt gebracht: Ich glaube, unsere derzeitigen Studenten werden gute Ärzte. Das größere Problem ist, ob jemand bei dem jetzigen System hinten runterfällt, der auch ein guter Arzt werden würde, der aber auch aufgrund des Numerus Clausus nie, oder nur nach sieben Jahren Wartezeit zum Studienplatz käme."