Dienstag, 05 September 2017 13:52

Methadon in der Krebsbehandlung – potenzielle Auswirkungen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis

Welche Risiken birgt die Unsicherheit über die Verwendung für die Beziehung zwischen Behandlern und Behandelten?

Man kennt Methadon in der Entzugstherapie von Heroin. Nun wurde zunächst online und zuletzt sehr prominent im Fernsehen [Stern TV 28.06.17] auf die positiven Auswirkungen von Methadon in der Krebstherapie aufmerksam gemacht. Das schürte Erwartungen und Hoffnungen auf Patientenseite und das wiederum hat aktuell Auswirkungen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis. 

 

 

Die Qualität der Arzt-Patienten-Beziehung hat massive Auswirkung auf den Behandlungserfolg. Jetzt gilt es, diese Beziehung nicht an den unterschiedlichen Auffassungen über die Anwendung von Methadon zerschellen zu lassen. Der Einsatz ist angedacht bei den Patienten, die als austherapiert gelten, aber sehr schlecht auf Chemo- oder Strahlentherapie ansprechen. 

 Initiiert von der Chemikerin Claudia Friesen von der Uniklinik Ulm wurde folgende These aufgestellt: In Kombination mit einer Chemo- oder Strahlentherapie schrumpften unter dem Medikament bei austherapierten Krebspatienten die Tumore.

Die deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Neuroonkologische Arbeitsgemeinschaft der deutschen Krebsgesellschaft sagen, dass es bis heute keinen Nachweis für die Wirksamkeit der Methadon-Therapie bei menschlichen Gliomen gibt. 

Nachweislich durch Claudia Friesen bewiesen ist der positive Einfluss von Methadon in Tierversuchen und Zellkulturen. Es muss nun in klinischen Studien auch für den Menschen unter kontrollierten wissenschaftlichen Bedingungen nachgewiesen werden. Prospektive und randomisierte Studien sind vonnöten.  
Der Einsatz von Methoden außerhalb kontrollierter Studien ist nur bedingt gerechtfertigt. 

Dennoch kann man gut verstehen, dass Patienten und Angehörige Methadon als den letzten rettenden Ast begreifen und es sich bei der Behandlung vehement einfordern. Insbesondere der TV-Beitrag zu diesem Thema hat zu großer Resonanz geführt - beispielsweise gibt es eine Online-Petition mit 15000 Unterschriften. Gefordert wird, dass Methadon zu Behandlung von Krebspatienten freigegeben wird.

Zudem wurde die natürlich ohnehin schon sehr emotionale Debatte weiter aufgeheizt durch folgende Frage: Wird Methadon nicht flächendeckend eingesetzt, weil seine Profitabilität weitaus geringer ist als die anderer Therapieformen? Methadon ist patentfrei – und damit sehr günstig.

Günstig oder nicht, bevor Methadon flächendecken in der Krebsbehandlung eingesetzt werden kann, muss in den oben erwähnten Studien festgestellt werden, ob es den Patienten tatsächlich nutzt. 
Denn Methadon kann starke Nebenwirkungen mit sich ziehen. Die Risiken sind also sehr hoch bei einem noch nicht nachgewiesenen Nutzen

Seitens der Mediziner besteht die Angst, dass Patienten eine etablierte Therapieform ablehnen und eine Behandlung mit Methadon fordern könnten. 

Das würde die Position der Behandler insoweit problematisieren, als dass sie als die „Bösen“ dastehen könnten. Als der Arzt, der seinem Patienten eine vermeintlich lebensrettende Therapie versagen wolle.  
Wichtig ist es jetzt, schnell Klarheit zu schaffen, um die Mediziner in dieser Frage zu unterstützen. 
Inzwischen ist eine klinische Phase-I/IIb-Studie für Patienten mit Kolontumoren in Planung. Hauptziel dieser doppelblinden randomisierten Phase-II-Studie sei die Bestimmung des progressionsfreien Überlebens in Woche 12 der Therapie mit D,L-Methadon versus Placebo. 

Um die Beziehungen zwischen Arzt und Patient nicht zu gefährden ist klare Kommunikation in dieser jetzigen Situation wichtiger denn je. Beide Seiten müssen offen sein – Patienten gegenüber den Ratschlägen der Ärzte und die Ärzte gegenüber den Sorgen und Wünschen der Patienten. 
Sicherlich ist noch mehr Einfühlungsvermögen als bisher gefragt. 

Denn eins darf in dieser hitzigen Diskussion nicht vergessen werden: Das Wohl des Patienten steht für alle Beteiligten im Mittelpunkt.